„Nimms nicht persönlich!“

Sagt jemand als Antwort auf meine Anmerkung, dass mich ein bestimmtes Verhalten einer Person verletzt hat.

Was vordergründig beschwichtigend gemeint zu sein scheint, oder sogar witzig, entpuppt sich im Nachgang als seltsamer Satz, den wir bereits öfter gehört haben. Seltsam ist diese Aussage besonders dann, wenn sie zu einer Situation fällt, in der man sich grundlos eine Beleidigung oder eine verletzende Verhaltensweise eingehandelt hat. Dann erscheint der Satz, im Subtext des Unbewussten, wie ein Freibrief, der besagt: Ich kann tun, sagen und lassen, was ich will und übernehme für die Folgen keine Verantwortung. Wer sich persönlich von mir angegriffen, diskriminiert oder verletzt fühlt, ist selbst schuld. Gefährlich!

Noch seltsamer ist die Aussage, wenn sie von Menschen kommt, die in Liedern besingen und in Zeremonien zelebrieren, dass wir alle eins sind und, dass alles miteinander verbunden ist. Und da gibt es noch das Resonanzgesetz. Wie passt das alles zusammen? Wie weit darf ich mit einem solchen Satz gehen? Wie würdest du dich damit fühlen?

Normalerweise, also früher war es mal so, folgt auf eine versehentliche Unfreundlichkeit eine Entschuldigung, wenn man merkt, dass man jemanden verletzt hat. Zumindest eine Erklärung, wenn es gar nicht persönlich gegen die Person gerichtet war, sondern jemand nur Druck ablassen musste.

Vorsicht Trigger!

Nehmen wir an, ich sei über irgendetwas wütend. Mein Nachbar hat mich geärgert oder so etwas. In dem Moment kommt mich jemand besuchen. Ich hau ihn, ohne Vorwarnung, so aus dem emotionalen Affekt heraus, eine runter. Wenn er sich beschwert, sage ich: Hei, nimms nicht persönlich, ich hatte so eine Wut im Bauch. Die musste raus. Hätte jeder andere sein können, dem ich in meiner Stinklaune eine runterhaue.

Am Ende bin ich der Idiot, weil ich irgendetwas persönlich oder ernst nehme, was jemand sagt oder mir antut. Was bedeutet das für die Zukunft? Darf ich genauso unbedarft reagieren?: Oh, das hat mich jetzt zutiefst getroffen, was der mit mir gemacht hat. Der soll doch gleich mal körperlich zu spüren bekommen, wie weh mir das gerade tut. Darf er nicht persönlich nehmen. War eben mein Triggerpunkt. Da knallts dann eben. Und wie ich erst ausraste, wenn mein Trauma gekitzelt wird.

Wo bleibt die Selbstreflexion?

Das Lächeln der Ignoranz

Wenn ich einen Menschen, mit dem ich mich freundschaftlich verbunden fühle, einen solchen Satz zu mir sagen höre, dann klingt das so, als sei ich ihm völlig egal. Den interessiert nicht die Bohne, wie es mir geht. Er lässt sich null auf meine Gefühle und meine Welt ein. Wie kann das sein? Weshalb sagt er jetzt nicht einfach: „Hey, ich habe dich gehört!“ ? Dann würde ich mich ernst genommen fühlen und es würde sich Vertrauen aufbauen und ein bisschen Frieden geschehen.

Will er keine Verantwortung für das übernehmen, was er Kraft seines Tuns oder Verhaltens in die Welt hinausgeschickt hat? Klar bin ich für mein Wohlbefinden selbst verantwortlich. So weit das möglich ist. Manchmal wird man aus heiterem Himmel zum Opfer, weil man irgendwo zum falschen Zeitpunkt auftaucht.

Ist es wirklich mein Pech, wenn ich etwas persönlich nehme? Schwäche und Mangel sozusagen? Soll ich eine coole Cybermaschine sein, die gefühllos über alles erhaben ist? Da kann einem nichts und niemand mehr etwas anhaben. Auch die Liebe nicht. Immun in meiner wundervollen Ego-Blase.

Wie war das noch mit dem Ubuntu?

In der Vision von Miteinander und In-Verbindung gehen ignoriert man nicht, wenn einem geschätzten Mitmenschen etwas nicht gut tut. Weil man weiß, dass es die Gemeinschaft schwächt, wenn es einzelnen nicht gut geht. Deswegen nährt man sich untereinander. Jedenfalls machen das manche indigene Stämme. Dieses soziale Verhalten nennt man in Afrika Ubuntu.

Aber das wollen doch alle. Schlussfolgerte ich, als ich den Liedern und Gesprächen lauschte. Oder habe ich da etwas falsch verstanden? Geht es nicht ums Zusammenkommen? Worum dann? Nicht einsam sein wollen? Nähe ohne Tiefe? Verbindung ohne Verantwortung?

Dieser Satz könnte aus einer kalten, herzlosen Welt heraus gesprochen sein. Eine Welt, wo jemand nur mit sich und seiner Blase beschäftigt ist und den seine Mitwelt nicht interessiert. Nicht die Wünsche oder Bedürfnisse eines Mitmenschen und auch nicht dessen Gefühle. Jedenfalls solange es keinen persönlichen Nutzen oder Vorteil bringt. Da fröstelt es mich.

Philosophie oder Weigerung?

Ist das wirklich eine moderne Einstellung oder ist es nicht doch eher die Weigerung, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen? Ist es das Unvermögen, sich selbst zu reflektieren? Die Ignoranz eines Egomanen? Oder die Hilflosigkeit, mit Gefühlen anderer umzugehen, Nähe zuzulassen, in empathische Verbindung zu gehen, was man dennoch in Debatten zu wollen behauptet. Ambivalent.

An solchen Aussagen spiegeln sich brandheiße Themen unserer Zeit. Sie schwelen unterschwellig, werden mit Maskeraden übertüncht. Wenn man wirklich zusammenkommen will, weil man aus eigener Erkenntnis und Einsicht die Notwendigkeit und Unumgänglichkeit erkannt hat, müssen diese Mauern fallen. Viel wird oft geredet. Über solche Themen kaum. Es wird nichts bis zum Ende geklärt. Nur ein bisschen Puderzucker drauf und alles ist wieder gut und heile. Süße Konfliktvermeidung. Das schwierige daran: Es geschieht nicht absichtlich oder bewusst. Meistens jedenfalls nicht. Wem soll man also etwas übel nehmen? Worüber soll man reden? Ist nur mein Trip, wenn mich etwas verletzt. Da sollte ich schnellsten in Therapie gehen.

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